M A R I A
M U Ñ O Z


Raum und Architektur bilden das visuelle Umfeld des Menschen. Vom ihm selbst geschaffen, sind sie Ausdruck seines Daseins, in das er eingebettet ist. In meinen künstlerischen Arbeiten setze ich mich damit auseinander, wie wir Raum wahrnehmen, und stelle die aristotelische Sichtweise, die dem Sehsinn Vorrang vor den anderen Sinnen gibt, in Frage. In der heutigen Zeit, in der sich der Raum hinter der zweidimensionalen Fläche des Computerbildschirms weiter ausdehnt, erscheint mir diese Thematik besonders relevant.

Meine skulpturalen Wandarbeiten und meine raumbezogenen Installationen aus Holz erforschen visuelle Wahrnehmung anhand abstrakt-räumlicher Kompositionen und farblicher Strukturen. Die Arbeiten entwickeln sich aus einer spezifischen geometrischen Komposition einer Oberfläche, aus der internen Struktur eines Raumes oder auch aus den Komponenten einer ganz bestimmten Räumlichkeit und fordern den Betrachter heraus, die Verlässlichkeit der visuellen Information zu hinterfragen: Sind die Farbflächen in Progression of Color wirklich flach? Führen die Module von Zwischenraum die Struktur des Steinbodens fort? Schließen sich die Kreise in Interruption? In meinen raumbezogenen Arbeiten greife ich die Raumsituation auf und verdeutliche, dass die Erfahrung der Architektur auf unterschiedlichen Sinneseindrücken beruht. Sie legen offen, dass unser Sehsinn uns falsche Schlussfolgerungen ziehen lassen kann und führen uns so zu einem Neu-Erkennen des Raums.

In meinen Installationen, Wandarbeiten und Zeichnungen werden die Linie, Fläche und Farbe als zentrale Bau- und Kompositionselemente verwendet. Die Linie schafft Leere, weil sie die Abwesenheit der Materie markiert. Die Linie zeichnet im Raum. Die Fläche hingegen kennzeichnet ein Volumen und somit eine Präsenz, ein Gewicht. Die Farbigkeit der Arbeiten nimmt dabei Bezug auf den Ort. Meine Installationen und Wandobjekte zeigen denkbare (geometrische) Formen und Strukturen im Raum, die – wie in einem Aufriss – vorstellbar, aber nicht wirklich greifbar, sind. In meinen Zeichnungen bilden die Striche, die ich mit verschieden Bleistiften zeichne, und die Schnitte, die ich mit einem Messer in das Papier schneide, einen Übergang zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Die Schatten und Zwischenräume der Risse und Schnitte suggerieren ebenfalls einen Körper, ein Gewicht, der sich aber im Material der Zeichnung – der Linie – nicht realisiert findet. Damit möchte ich die visuelle Empfindung der Kunst auf eine existenzielle Ebene bringen: Was und wie sehen wir? Wenn wir die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken können, dass Materie auch im scheinbar leeren Raum vorhanden ist, und darauf, dass das, was wir als Feststoff wahrnehmen, nichts anderes als ein komplexes Netzwerk von dynamischen Molekülen ist, werden wir damit beginnen, unsere körperliche und emotionale Empfindung des Raumes, in dem wir uns gerade befinden, in Frage zu stellen. So werden wir auch auf unsere eigene, körperliche Existenz zurückgeworfen, die genauso variabel ist, wie die menschliche Wahrnehmung des Raumes, was uns schließlich mit unserer eigenen heutigen Vergänglichkeit konfrontiert.